
Alle freuen sich auf die große Wahl. Alle? David und Dunja McAllister entspannen noch mal kurz vor dem großen Sturm. Mia (links) und Jamie scheinen schon zu ahnen, was kommt. Aber eigentlich spielt es für sie sowieso nicht die große Rolle, dass der Papa jetzt Niedersachsens Nr. 1 ist.
Familie gibt den richtigen Aufwach-Kick
Die Bundespräsidentenwahl bringt David McAllister eine sehr kurze Nacht ein. Der 39-jährige aus Bad Bederkesa ist jetzt Niedersachsens neuer Ministerpräsident. Wir haben den CDU-Politiker an seinem großen Tag begleitet.
VON CHRISTIAN DÖSCHER (TEXT) UND WOLFHARD SCHEER (FOTOS)
Beautycreme – mit Aufwach-Kick. „Mein Wundermittel, wenn man zu wenig geschlafen hat“, sagt David McAllister und reibt sich kräftig das Gesicht ein. Welche „Abweichler“ in Berlin für die kurze Nacht verantwortlich waren, möchte der 39-Jährige bestimmt auch gerne wissen. Der, der am Vorabend bei der Bundespräsidentenwahl in drei Wahlgängen richtig leiden musste, schreibt schon in aller Herrgottsfrühe eine SMS: „Heute ist Dein Tag, genieße ihn in stillen Momenten“, gibt ihm Christian Wulff mit auf den Weg. „Sein Tag“ – McAllister wird zum neuen Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen gewählt.
Am Vorabend ist er um 22.10 Uhr in Berlin nach der Marathon-Sitzung der Bundesversammlung losgefahren, wegen eines Staus ist der CDU-Politiker aus Bad Bederkesa erst um 0.40 Uhr in Hannover, bis 1.45 Uhr hockt er noch im Büro und geht seine Regierungserklärung durch. Kurz nach dem Aufstehen merkt er vielleicht das erste Mal, dass ab heute alles anders wird, auch wenn er immer wieder sagt, „es soll alles so normal wie möglich bleiben“. Um kurz vor sieben auf die Schnelle ein Brötchen aus der nahegelegenen Markthalle – verfolgt auf Schritt und Tritt von zwei Männern. Bodyguards, Landeskriminalamt. Das ist das neue Leben. „Ich glaube, ich werde heute gar nicht mehr wach“, murmelt McAllister vor sich hin. Doch es naht Hilfe: Ins Büro, in dem der Ministerpräsident mit alten Weggefährten aus der Samtgemeinde Bederkesa wie seinem politischen Ziehvater Martin Döscher sitzt, kommt urplötzlich richtig Bewegung. Die Tür geht auf und der Vollblutpolitiker strahlt übers ganze Gesicht, ist jetzt ganz Ehemann und Vater. Die beiden Kinder, Mia und Jamie, sind kaum zu bremsen. Innige Umarmungen, Küsse. Den Wachmacher hat es gebraucht.
Ungewaschenes Auto
Der Anlass ist den beiden Kleinen dabei natürlich eher schnuppe. Weißt du denn, warum der Papa hier ist? „Nö“, lautet die knappe Antwort der fünfjährigen Jamie. Die drei „Mädels“ im Hause McAllister sind schon am Vortag angereist, „mit der Familienkutsche“,erzählt Dunja McAllister, die seit 2003 mit David verheiratet ist, „extra nicht gewaschen, zur Tarnung“, sagt die Rechtsanwältin, die sich selbst als „alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern“ bezeichnet. Die Frage, ob sie nicht befürchtet, ihren Mann noch weniger zu sehen, kontert Dunja McAllister trocken: „Weniger geht nicht. Die wenige Zeit wird David nur anders aufteilen müssen.“ Dunja McAllister bleibt trotz des Trubels ziemlich cool. „First Lady“? Der Titel bringt sie eher zum Schmunzeln. Wohl auch, weil sich ihre Trauzeugin, von allen irgendwie nur „Tante Honey“ genannt, viele liebevolle Geschenke ausgedacht hat. Für Dunja gibt es Lutschpastillen in einer rosa „First Lady“-Dose – und eine „First Lady“-Schürze. Dunja McAllister managt ihr Leben als Mutter von zwei Kindern, kocht, putzt. Durch das neue Amt ihres Mannes sieht sie sich „kaum beeinflusst“. Derweil erkunden Mia und Jamie – in Kleidern von „Honey“ – das Büro. „Ah, guck mal hier, Papa ist in der Zeitung“, ruft Jamie der kleinen Mia zu. Jamie wird morgen übrigens sechs Jahre alt. Und David McAllister wird zu Hause sein. „Als Bonbon-Mann“, wie schon mal verraten wird. Vollgeklebt mit Bonbons laufen dann die Kinder aus Beers und Umgebung hinter dem Papa hinterher. Nur noch wenige Minuten bis zur Wahl, die Kinder sorgen für letzte Zerstreuung. Schnell noch eine SMS lesen (Lieber David, kein Witz. Hab leider den Zug verpasst. Ich wünsche Dir trotzdem alles Gute. Dein Philipp Rösler), die Schuhe übergeputzt, dann geht es los. Die Tür wird geöffnet, der Boxer – Verzeihung: der kommende Ministerpräsident, setzt sich in Bewegung, ein Mal noch um die Ecke, und dann, dann geht gar nichts mehr, kurz vor dem Plenarsaal
warten Dutzende Journalisten, Blitzlichtgewitter, Fragen über Fragen, die Kinder kaum noch zu sehen. Das ist das neue Leben. Angst, ein ähnliches Schicksal wie Wulff zu erleiden, hat McAllister nicht. Der neue Fraktionschef der Union, Björn Thümler aus der Wesermarsch, hat die Truppe am Morgen eingeschworen: „Es liegt jetzt in euren Händen, dass es besser läuft.“ Und alle gehorchen. Fast alle. 80 Stimmen, zwei weniger als die Koalition hat, doch der neue Ministerpräsident nimmt’s gelassen: „Spätestens seit gestern wissen wir, die Wahlen sind frei und geheim.“ McAllister ist denn auch schon mal so frei, direkt auf der Regierungsbank Platz zu nehmen. Ein bisschen früh, Landtagspräsident Hermann Dinkla ist noch nicht ganz durch mit den Formalien. Am Nachmittag dann der Eid. Da sind die beiden Kinder Jamie und Mia nicht mehr dabei. Die anstrengenden Stunden fordern bei den beiden ihren Tribut. Jetzt ist DVD-Gucken mit „Cinderella“ angesagt. Auch das gehört zu ihrem Leben.
