Gutachterliche Äußerung über das Alter Bederkesas (die Ersterwähnungen Bederkesas bzw. der Adelsfamilie von Bederkesa)
Prof. Dr. Hucker von der Universität Vechta hat am 03.03.2006 einen vielbeachteten Vortrag mit dem Thema „Wie alt ist Bederkesa wirklich“ gehalten.
Dieser Vortrag resultiert aus einer gutachterlichen Äußerung, die der Flecken Bad Bederkesa in Auftrag gegeben hat. Dieses Gutachten wird in drei Teilen in den nächsten Rundschauen (04 – 06.06) veröffentlicht. Die Quellenangaben erfolgen nach dem letzten Teil.
Teil I
Die Siedlung, der spätere Flecken und die heutige Samtgemeinde Bederkesa verdanken ihre Entstehung der Burg eines hochmittelalterlichen Adelsgeschlechts. Ein Gründungsdatum ist weder für die Adelsburg, noch für die Ansiedlung von Hintersassen vor dieser Burg überliefert, doch kann vorausgesetzt werden, dass die Siedlung unmittelbar nach dem Bau der Burg entstanden ist.
Quellenzeugnisse, die eine Altersbestimmung der Burg zulassen, sind deren Name sowie die Erwähnungen der Adelsfamilie, dies sich wiederum aufspalten in solche, die deren Repräsentanten ohne und solche die sie mit Herkunftsnamen nennen. Das entspricht der allgemeinen Entwicklung, denn vor dem Aufkommen von Herkunfts- bzw. daraus entstandenen Familiennamen genügte der Vorname, um eine Person zu identifizieren. Hinzu kommt die in zwei Varianten überlieferte volksmündliche Namenssage, deren Analyse ebenfalls manchen Schluss zulässt. Wir haben also zu untersuchen
- den Ortsnamen (ON)
- Erwähnungen der Adelsfamilie mit Bezug auf den ON
- die noch älteren Erwähnungen dieser Familie ohne ON
- die 1692 bis 1848 mehrfach aufgezeichnete Namenssage
1.
In der Ortsnamenforschung unterscheidet man das Grundwort (z. B. –dorf, -heim usw.) und das Bestimmungswort, wobei dieses häufig durch einen Personennamen im Genitiv gebildet wird. Überprüfen wir darauf hin den ON Bederkesa, dann ist anhand seiner ältesten bezeugten Formen (Bederekesa 1159, Bederikesa 1162 und Bederikesha 11621 – dazu die mündliche Form Beerst2) zu erkennen, dass wir es hier mit dem zunächst als nebensächlich erscheinenden Grundwort, -a, -ha zu tun haben. Das eigentümlich kurze Grundwort findet sich in der späteren urkundlichen und spraghistischen Überlieferung noch deutlich vom Bestimmungswort getrennt, so auf Siegeln3 und im Diplom König Sigmunds von 1414 (Bederichs A)4. Es handelt sich also um die A oder Ahe des Bederek bzw. Bederik.
Artur Conrad Förstes Forschungen haben nun ergeben, dass O oder A von Anfang an ein Waldname gewesen ist und kein Gewässerwort. Es hat sich um ehemalige Herrenwälder gehandelt, also Wälder, die entweder einem Freien (vir liber) oder einem Edelherrn (vir nobilis) alleine gehörten bzw. allein von ihm genutzt wurden – im Gegensatz zu den vielen gemeinen Marken oder Gemeinschaftswäldern5. Daraus ergibt sich, dass hier ein Herrenwald eines Edelherren namens Bederich bezeichnet werden sollte, was uns bei der Altersbestimmung vorderhand nicht weiterhilft, da dieser Name in den Quellen der Karolingen- und Ottonenzeit in Sachsen nicht vorkommt. Schon Förste formulierte treffend: „Was wissen wir von Wolmar, dessen Name in dem Dorfnamen Wulmstorf steckt, was von Holdo, dessen Name in ... Hollenstedt verewigt ist, was von jenem Ochtmar, nach dem Ochtmannsbruch benannt ist oder dem Blidher, dessen Name in dem Ortsnamen Bliedersdorf steckt? Nichts.“
Der freie Sachse Hruotmar von 819, nach dem Hrotmundes A benannt ist (Rotmers A; heute Ahof, Kr. Rotenburg) ist offenbar eine Ausnahme. Nun hat Hans G. Trüper einen 1080 gefallenen Burggrafen der Reichsburg Teuchern (an der oberen Saale zwischen Naumburg und Zeitz) mit dem Namen Bethericus ausfindig gemacht, der edelfreier Herkunft war. Das gäbe allerdings mehr Rätsel auf als es sie löste, wenn Trüper diesen Namen nicht zugleich als slawisch identifiziert hätte: Es handelt sich nämlich bei Bederich (sorb. Bedrich; poln. Biedrzych; tschech. Bedrich) um die slawische Form des sächsischen (und gemeingermanischen) Männernahmens Friedrich6.
Trüpers ansprechende These ist nun7, ein 1059 beim Bremer Erzbischof bezeugtes Brüderpaar von Edelfreien, Friedrich und Marcred, habe zwei Linien gestiftet, von denen die Friedrichs in das Gebiet von Saale und Elbe übersiedelte und die Marcreds die Familie von Bederkesa mit dem Leitnamen Marquard bildete. Darauf haben Friedrichs Familie der Bederiche (die späteren, Mitte des 13. Jahrhunderts ausgestorbenen Grafen von Belzig und Dornburg) gegründet, die das Allod am Bederkesaer See zunächst noch behielt, wodurch ihr Leitname auf dieses Erbgut, eben „Bederichs Ahe“, übertragen worden sei. Die agnatische Verwandtschaft der Bederiche mit den Edelherren und dann Ministerialen von Bederkesa war 1243 offenbar noch bewusst, denn damals hatte Otto von Bederkesa „von Anfang an das Vorhaben“ des Grafen Bederich III. von Belzig gefördert, dem Stader Marienkloster Reliquien aus Palästina, darunter eine Heilig-Blut-Reliquie zu schenken8. Bederich III. (1220 – 1249) war der Letzte des Geschlechts; der erste Graf von Dornburg war der Edelherr Gottschalk von Jabilinze (1107 – 1117)9. Die Burg Jabilinze lag in der Flur von Löbejün (zwischen Eisleben und Köthen), also nur 58 km nördlich von Teuchen10. Die Rückwanderung des Namens Bederich kann frühestens um 1080 erfolgt sein.
Teil 2
(aus Bederkesaer Rundschau Mai 2006
Erwähnungen der Adelsfamilie mit Bezug auf den ON
Nicht viel jünger ist denn auch das erste namentliche Vorkommen eines Ministerialen von Bederkesa, nämlich Marquards III. im Jahre 115911. Wie schon erwähnt, gibt es dann 1162 noch zwei Erwähnungen dieses Bederkesaers und es folgen in den achtziger Jahren weitere Erwähnungen seiner Söhne Erich II. und Rudolf. Der Ritter Marquard III. ist 1159 bis 1181 urkundlich bezeugt, und in seine Zeit fällt offensichtlich auch der Baubeginn der Burg Bederkesa, denn die chronologischen Untersuchungen ergaben die Zeit zwischen 1179 und 119412. Noch ein weiteres Argument spricht für Marquard III. als Gründer der Burg auf dem heutigen Platz: Noch 1339 wusste man in der Familie, dass die damals neun Ritterkurien auf dem Schloss auf ursprünglich eine einzige zurückgingen13.Marquard III. ist der erste Bederkesaer, von dem mehrere Söhne urkundlich nachweisbar sind14. Wir können also festhalten, dass die Ersterwähnung von 1159 nicht nur gut gesichert ist, sondern auch in die Zeit fällt, in der die Errichtung einer festen Wasserburg in Bederkesa stattgefunden hat.
An dieses Ergebnis knüpft sich sogleich eine andere Frage: Wenn Marquard III. gegen 1180 eine Burg errichtete, warum gab er ihr dann nicht einen der seit dem 11. Jahrhundert modischen15 Befestigungsnamen auf -burg, -berg, -stein, -eck oder dergleichen, waren sie doch geeignet den Erbauer, dessen Wappen oder ein politisches Programm bekannt zu geben? Die Antwort kann nur sein, dass die Vorgängerburg spätestens Mitte des 11. Jahrhunderts gegründet worden war und ihr Name damit feststand. Das entspricht den Entwicklungslinien, die der Altgermanist und Namensforscher Edward Schröder auch sonst für Burgen festgestellt hat. Schlichte Flurnamen werden „ohne weiteres auch zu Burgnamen“ –selbst für vornehmste Geschlechter ist das noch „gegen Ende der ersten Jahrtausends“ das Übliche16. 1115 bis 1134 ist ein Graf Hermann von Calvelage bezeugt, ehe seine Familie zehn Jahre später nur noch nach der Ravensburg heißt. Solch eine Umbenennung wäre auch für die Bederkesaer denkbar gewesen. Offensichtlich stand dem entgegen, dass der überkommene „Herrenwald“ – Name für das Selbstverständnis der Familie immer noch hohe Bedeutung besaß. Wahrscheinlich doch wohl deshalb, weil der Spitzenahn in ihm verewigt war.
Sodann ist an dieser Stelle noch auf eine weitere, angeblich ältere Erwähnung der „Barone“ von Bederkesa einzugehen. Der bremische Chronist Heinrich Wolters, der um 1463 seine durchaus nicht fehlerfreie bremische Erzbischofschronik schrieb, erwähnt zum Jahre 1111, der Bremer Erzbischof habe samt seiner Vasallen, den Grafen von Oldenburg und von Stotel sowie den baronibus de Lidersa am Kreuzzug teilgenommen.17 Dieses Lidersa ist schon von der älteren Forschung zu Recht als Bederikesa emendiert worden. Ein Kreuzzug hat 1111 nicht stattgefunden, und schon gar keiner mit erzstiftbremischer Beteiligung. Vermutlich ist eine Überlieferung über den Kreuzzug Friedrichs I. von 1189 (MCIXC), an dem nachweislich Bremer und Oldenburger teilnahmen, irrtümlich in das Jahr MCXI versetzt worden. Der Frage, ob Wolters wirklich etwas über die Teilnahme des Kreuzzuges von 1198 wissen konnte, ist für uns unerheblich, da dieses Datum ohnehin viel später als die Ersterwähnung von 1159 /s.Abschn.2) liegt.
Die noch älteren Erwähnungen dieser Familie ohne ON
Solange Bederkesaer urkundlich erwähnt sind, erscheinen sie als Dienstmannen der Bremer Kirche. Auch ihre mutmaßlichen Vorfahren, die noch nicht den Herkunftsnamen tragen, sind mit Ausnahme der Ersterwähnung unter die Ministerialen eingereiht. Diese Ersterwähnung verdient eine genauere Betrachtung. Am 20. Juli 1059 bestätigte Erzbischof Adalbert von Hamburg-Bremen der hamburgischen Kirche eine Besitzschenkung. Die Urkunde wird von dem Herzog von Sachsen, dem Grafen von Stade, einem frühen Askanier, dem Grafen Adalbert von Ballenstedt und „Friedrich und Manfred, dessen Bruder“ (Fredericus et Marcredus, frater eius) bezeugt. Hans Trüper vermutet, dass dieses Brüderpaar zu den Edelfreien gehört hat und die Spitzenahnen der Familie gewesen sind19.
Später, kurz nach 1144, erscheint Hericus (=Erich) als Vogt, als er eine Memorie für sich und seine Söhne Marquard und Erpo stiftet.20 Hier erscheint erstmals der zweite Leitname der Bederkesaer. Die Eigenschaft Erichs I. als erzbischöflicher Vogt gibt zu der Annahme Veranlassung, die Familie sei inzwischen um den Preis der Übertragung ausgedehnter Vogteirechte und wohl auch schon des Kämmereiamtes in die bremische Dienstmannschaft eingetreten21. Das Verschwinden des Vornamens Friedrich aus dem Namensschatz der Bederkesaer (aber auch der Flögelner) wird damit zusammenhängen, dass ein Familienzweig und womöglich eben dieser Fredericus in das Saale-Gebiet abgewandert und zum Spitzenahn der „Bederiche“ geworden ist.
Die (erschlossenen) Spitzenahnen der Bederkesaer (und vermutlich der „Bederiche“ von Belzig) sind folglich 1059 bezeugt - wie der Zufall es will, exakt hundert Jahre vor der urkundlichen Ersterwähnung des Namens Bederkesa.
21 Hucker/Trüper, Herren von Bederkesa S. 7