Kirchenfrieden währt seit 300 Jahren

Seit 1706 nutzen lutherische und reformierte Gemeinde das Ringstedter Gotteshaus gemeinsam

Ringstedt (kw). Welcher Ort kann schon von sich behaupten, einen reformierten und einen lutherischen Sonntag zu feiern. Ringstedt kann es. "In einem entlegenen Winkel Deutschlands hat Großes stattgefunden", so Pastor Dietrich Meyer, denn morgen wird dort das 300-jährige, so genannte Simultaneum gefeiert.

Auf den Tag genau vor drei Jahrhunderten wurde in Ringstedt ein Vertrag unterschrieben, der das ökumenische Miteinander der lutherischen und reformierten Kirchengemeinden besiegelte. Beide Gemeinden nutzten fortan gemeinsam die St. Fabian Kirche.

"Der Beharrlichkeit der Ringstedter war es zu verdanken, dass sich in ihrem Ort Außergewöhnliches entwickelt hat", erläutert Pastor Johannes Göhler, der sich mit der Kirchengeschichte beschäftigt und das ökumenische Miteinander gemeinsam mit Pastor Görgen Brockbalz lange Jahre mit Leben erfüllt hat.

Auf Druck der Schweden

Begonnen hatte alles im Jahr 1694, am Mittwoch nach Pfingsten. In der Ringstedter Küsterei sollte damals die Nachfolge des verstorbenen reformierten Predigers Johann Georg Salmuth geregelt werden, erzählt Göhler. Generalsuperintendent Dieckmann wollte, dass die Gemeinde der Einsetzung eines lutherischen Predigers zustimmt. Unter dem Einfluss der Schweden, die damals in der Region herrschten, sollte Ringstedt lutherisch werden. Das Konsistorium als Kirchenbehörde machte von seinen Machtmitteln Gebrauch, um diese Vorstellung umzusetzen. "Es ging in einem kleinen Ort um die Frage, welche von den beiden konfessionellen Gruppen den Sieg davontragen wird", sagt Göhler.

Die Ringstedter Reformierten ließen sich nicht beirren. In Stade gingen Gesuche ein, in denen die Einsetzung eines reformierten Predigers erbeten wurde - und als letztes Mittel schafften es die Gemeindemitglieder, im Jahr 1698 zwei Gesandte auf den Weg nach Stockholm zum Königshof zu schicken, um ihr Anliegen dort vorzutragen. Die Mission hatte Erfolg, die reformierte Pfarrstelle in Ringstedt wurde eingerichtet.

Für kurze Zeit standen dann zwei Pfarrhäuser nebeneinander, bis ein Brand im Jahr 1701 das alte Pfarrhaus vernichtet. Beide Pastoren verließen daraufhin Ringstedt. In der Nachfolge wurden beide Pfarrstellen wieder besetzt. Und am 22. April 1706 wurde ein Vertrag unterschrieben, der beide Prediger in Rechten, Pflichten und Einkünften gleichstellen sollte: Das sogenannte Simultaneum, die gemeinsame Nutzung der Kirche, war geboren.

Morgen wird dieser Jahrestag gefeiert. "Ohne die Beharrlichkeit der Ringstedter und den Pfarrvergleich, der auch dem lutherischen Pastoren den Unterhalt sicherte, hätte die Kirchengeschichte in Ringstedt einen anderen Verlauf genommen", sind sich die drei Pastoren, Görgen Brockbalz, Dietrich Meier und Johannes Göhler, sicher. "So aber wurde Ringstedt zu einem überzeugenden Exempel dafür, dass konfessioneller Friede über 300 Jahre hinweg zwischen lutherischen und reformierten Christen möglich ist."

"Gräben überwunden"

Das Miteinander und die Zusammenarbeit seien natürlich gewachsen, Höhen und Tiefen habe es gegeben, so Meier und Brockbalz. "Aber die Ringstedter waren in dieser Hinsicht ihrer Zeit weit voraus, haben Gräben überwunden."

Beginnen wird der Festgottesdienst morgen Abend um 19 Uhr. Predigen wird Kirchenpräsident Jann Schmidt aus Lehr sowie Landessuperintendent Manfred Horch aus Stade. Darüber hinaus wirken an der Gestaltung des Gottesdienstes der Ringstedter Kirchenchor, der Köhlener Posaunenchor sowie die Gitarrengruppe der Gemeinde mit. Im Anschluss an den Festgottesdienst findet ein Empfang im alten lutherischen Gemeindehaus statt.

(aus der Nordsee-Zeitung vom 21.04.2006)

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